"Wir sehen in vielen Bereichen, wie sich Märkte verändern und Nachhaltigkeit und Fairtrade eine immer größere Rolle spielen.", Judith Baumann, Lehrerin an den Modeschulen Nürnberg.

Mode mit gutem Gewissen - Nachhaltige Entwicklung in der beruflichen Bildung

Auszubildende in Indien während ihres Auslandspraktikums
Auszubildende der Modeschulen Nürnberg zu Besuch bei der indischen Partnerschule.

Die Modeschulen Nürnberg bilden junge Menschen zu fachlich und sozial kompetenten Fachkräften für die Bekleidungsindustrie aus. Während der Ausbildung können die Kreativen über die Schule an Modenschauen und Wettbewerben teilnehmen sowie Erfahrungen an internationalen Partnerschulen sammeln. Ein herausragendes Beispiel ist die Zusammenarbeit mit einer indischen Partnerschule im Rahmen des Projekts Azadi, in deren Fokus Fragen der Nachhaltigkeit stehen.

Azadi bedeutet auf Hindi „Freiheit“ – ein Wort, das die Idee des gleichnamigen Modelabels sehr gut umschreibt. Dahinter verbirgt sich ein Zusammenschluss mehrerer Partner, denen es darum geht, dass Mode nicht nur gut aussieht, sondern auch guten Gewissens verkauft werden kann. Die erste Kollektion entstand 2016 in Delhi. Sie wurde von jungen Frauen produziert, die von der indischen Initiative STOP in Schneiderei ausgebildet wurden. Als Nichtregierungsorganisation setzt sich STOP seit 1998 gegen Zwangsprostitution und Mädchenhandel in Indien ein.

Insofern ist Azadi Modelabel und Menschenrechtsprojekt zugleich. Um die Bekanntheit der Marke und deren Vermarktungspotenzial in Deutschland zu steigern, suchten die aus der Region Nürnberg stammenden Gründerinnen des Labels vor einigen Jahren Kontakt zu den Modeschulen Nürnberg. Wichtig war dabei von Beginn an, dass Herstellung, Vermarktung und Vertrieb der Kleidung unter fairen Gesichtspunkten stehen. 

Auslandspraktikum in Indien
Ein Blick hinter die Kulissen einer indischen Textilfabrik.

Für Judith Baumann, Lehrerin an den Modeschulen Nürnberg, passte die Idee sehr gut zur Philosophie der Schule, ihre Auszubildenden auch für gesellschaftliche und ethische Fragen der Modewelt zu sensibilisieren. Azadi wurde zum Thema der Ausbildung und fest im zweiten Ausbildungsjahr verankert. „Das Ganze läuft so ab, dass wir jedes Jahr eine kurze Einführung machen und anschließend für Azadi den Schnitt, die Entwürfe und die Prototypen vorbereiten“, erläutert Baumann, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Florian Maier für die Koordination des Projekts im Schulkontext verantwortlich ist. Mit ihrem Engagement unterstützt die Schule nicht nur das Projekt, sondern auch die Idee der beruflichen Bildung für nachhaltige Entwicklung. Zentrales Ziel des vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) geförderten Ansatzes ist es, ein berufliches Handeln zu fördern, das sich an Prinzipien der Nachhaltigkeit orientiert. Für die berufliche Aus- und Weiterbildung werden deshalb in Modellversuchen unter anderem Nachhaltigkeitskompetenzen für bestimmte Berufe und Branchen beschrieben.

Auslandspraktikum in Indien
Die deutschen Auszubildenden halfen bei der Produktion der Kleidungsstücke in Indien.

Zusammenhänge ganzheitlich erkennen

Baumann und Maier geht es vor allem darum, künftige Entscheidungsträger schon in der Ausbildung für derartige Themen zu sensibilisieren. Ihnen ist es wichtig, dass die Auszubildenden durch die Arbeit an Azadi erfahren, wie Sozial- und Umweltstandards bei Entscheidungen berücksichtigt werden sollten. Dabei gehe es sowohl um die Produkte selbst als auch um Lieferketten und Arbeitsbedingungen. Mit den Jahren hat sich zudem ein intensiver Austausch zwischen den Modeschulen Nürnberg und der Partnerschule NIFT-TEA aus Tirupur (Südindien) entwickelt.

Auslandspraktikum Indien
Die Herstellung, die Vermarktung und der Vertrieb der Kleidung findet unter fairen Gesichtspunkten statt.

„Im Feburar 2018 waren wir mit unseren Auszubildenden drei Wochen lang in Indien, wo wir sowohl die Schule als auch einheimische Betriebe besucht haben“, erzählt Judith Baumann, Besonders eindrucksvoll sei dabei der Blick hinter die Kulissen einer indischen Textilfabrik gewesen. Dazu Baumann: „Im Prinzip ist es ja so, dass wir die Arbeitsabläufe vorbereiten und in Ländern wie Indien produziert wird. Sie finden dort Fabrikanlagen, in denen der Rohstoff angeliefert wird und am Schluss das fertige Textil rauskommt. Das ist etwas, das wir in Deutschland so gut wie gar nicht mehr kennen“.

Auch Florian Maier erinnert sich noch gut an die Situation. Maier wörtlich: „In einem Betrieb wurden wir konkret auf das Thema Umweltverschmutzung und unseren Einfluss auf die Produktion angesprochen. Das hat die Schülerinnen und Schüler sehr nachdenklich gemacht, weil sie damit konfrontiert wurden, dass viele Dinge dort am westlichen Konsumverhalten und dessen Anforderungen liegen.“ Gleichzeitig, so betont er, sei es für die Inderinnen und Inder, die im Rahmen des Austauschs bereits zweimal in Deutschland waren, interessant, die Auftraggeberseite zu erleben. So erhalte jeder einen Eindruck von dem, was er nicht aus eigener Erfahrung kenne.

Mehrwert für alle Beteiligten

„Letztlich profitieren alle Beteiligten von dem Projekt, weil es optimal verzahnt ist und sich perfekt ergänzt“, glaubt Judith Baumann. Dabei sei das Wissen, wie international produziert werde, eine zusätzliche Qualifikation für die Azubis, die sie für den Arbeitsmarkt interessant mache. In der Regel fänden die hoch qualifizierten Absolventinnen und Absolventen im Anschluss an die Ausbildung Arbeitsstellen in allen Bereichen der Modeindustrie wie Fertigung, Handel und Logistik sowie in den Sparten Design und Schnitttechnik.

Auslandspraktikum Indien
Einblicke in den Arbeitsablauf.

Nicht zuletzt deshalb wünschen sich Baumann und Maier eine Fortsetzung des Austauschs mit der indischen Partnerschule, zumal dieser die Ausbildung einzigartig mache und das Image der Schule stärke. Dazu braucht es jedoch neue Finanzierungsmöglichkeiten, denn auch wenn die Schule das Pilotprojekt noch in Eigenregie stemmen konnte, ließe sich eine Verstetigung des Austauschs ohne Fördergelder nicht realisieren. Aktuell werden verschiedene Wege und Möglichkeiten diskutiert.

Unabhängig davon glauben Baumann und Maier, mit Azadi exakt den „Zahn der Zeit“ getroffen zu haben. Beide erklären unisono: „Wir sehen in vielen Bereichen, wie sich Märkte verändern und Nachhaltigkeit und Fairtrade eine immer größere Rolle spielen. Daher halten wir Azadi für ein gesellschaftlich äußerst relevantes Thema, das wir auf jeden Fall fortführen werden. In welcher Form auch immer.“

Ideelle Unterstützung erhalten Sie dabei von Dr. Christian Büttner, Leiter des Instituts für Pädagogik und Schulpsychologie der Stadt Nürnberg. Er bringt den Nutzen derartiger Projekte wie folgt auf den Punkt: „Die Internationalisierung ist ein wichtiger Bestandteil der Bildungsarbeit an den kommunalen Schulen in Nürnberg, denn nur so können die Schülerinnen und Schüler die Herausforderungen einer globalisierten Welt kennenlernen. Vor diesem Hintergrund sind interkulturelles Verständnis und Heterogenität wichtige Bestandteile unseres Orientierungsrahmens für die Schulen. Als Stadt der Menschenrechte ist es uns zudem wichtig, gezielt nachhaltige Projekte wie Azadi zu fördern.“

© Bild oben: AdobeStock/ OlegD
© Bilder Modeschulen Nürnberg

Azadi - Modelabel und Menschenrechtsprojekt

Zunächst lernten die jungen Deutschen am College in Tirupur Schnitte und Produktionsverfahren für Baumwollstrickwaren kennen. Ein Hauptaugenmerk lag auf umweltgerechter Produktion und fairen Handelswegen. Den zweiten Teil des Aufenthalts absolvierten sie bei der indischen Menschenrechtsorganisation STOP (Stop Trafficking and Oppression of Children and Women).

Hinter dem Multistakeholder-Label Azadi steht ein Zusammenschluss mehrerer Partner, denen es darum geht, dass Mode nicht nur gut aussieht, sondern auch guten Gewissens verkauft werden kann. Die erste Kollektion entstand 2016 in Delhi. Sie wurde von jungen Frauen produziert, die von der indischen Initiative STOP in Schneiderei ausgebildet wurden. Als Nichtregierungsorganisation setzt sich STOP seit 1998 gegen Zwangsprostitution und Mädchenhandel in Indien ein und gibt unterprivilegierten Frauen eine Zukunftsperspektive. Das Gemeinwohlunternehmen FARCAP gGmbH (Fürth) koordiniert die Projektarbeit in Indien sowie die Bildungszusammenarbeit mit den deutschen Partnerorganisationen.

  Weitere Informationen zu FARCAP - Faire Mode

 Weitere Informationen zu Azadi

 Weitere Informationen zu den Nürnberger Modeschulen

 Weitere Informationen zur Indischen Partnerschule NIFT-TEA College of Knitwear Fashion (Tirupur)

 Weitere Information zum Menschenrechtsbüro der Stadt Nürnberg

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